NoMoMeck® für Kinder

Warum darf man wütend sein, aber nicht hauen?

Alma sitzt auf dem Teppich. Die Stirn ist runzelig. Die Hände sind fest. Bärchen sitzt neben ihr. Ganz still.
So still, dass man merkt: Jetzt ist was. „Bärchen“, sagt Alma. „Warum darf man wütend sein, aber nicht hauen?“ Bärchen überlegt. Nicht lange. Aber richtig.

Dann sagt Bärchen: „Weil Wut ein Gefühl ist. Und Hauen eine Tat.“ Alma schaut Bärchen an. „Und was ist der Unterschied?“ Bärchen legt sich auf den Rücken und schaut an die Decke. „Gefühle kommen einfach so. Die kann man nicht aufhalten. Die wohnen kurz in Dir.“ Alma nickt langsam. „Und Hauen?“ Bärchen dreht sich zu Alma. Ganz ernst. „Hauen geht raus. Und draußen tut es weh.“

Alma denkt nach. „Aber die Wut will doch raus.“ „Ja“, sagt Bärchen. „Aber sie will nicht kaputt machen. Sie will gehört werden.“ Alma schaut auf ihre Hände. Die sind immer noch fest. Aber nicht mehr ganz so doll. „Und was macht die Wut dann?“ Bärchen lächelt. „Manchmal stampft sie. Manchmal weint sie. Manchmal schreit sie in ein Kissen. Und manchmal wird sie einfach leise, wenn jemand sagt: ‚Ich sehe dich.‘“

Alma lehnt sich an Bärchen. „Also darf ich wütend sein.“ „Immer“, sagt Bärchen. „Und hauen darf ich nicht.“ „Genau“, sagt Bärchen. „Weil Deine Wut wichtig ist. Und die Gefühle der anderen auch.“ Alma atmet aus. Die Hände werden locker. „Gut“, sagt sie. „Dann bin ich jetzt noch kurz wütend. Aber nur innen.“ Bärchen nickt. „Das ist eine sehr gute Lösung.“

Warum ist Warten so schwer?

Alma sitzt auf der Treppe. Nicht oben. Nicht unten. Neben ihr sitzt Bärchen. Er sagt nichts. Die Zeit macht große Schritte. Und dann wieder ganz kleine. „Bärchen“, sagt Alma, „das dauert schon so lange.“ Bärchen nickt. Er weiß das.

„Warum ist Warten so schwer?“ Bärchen rutscht ein bisschen näher. „Weil Warten still ist“, sagt er. Alma runzelt die Stirn. „Still ist doch gut.“ „Manchmal“, sagt Bärchen. „Aber beim Warten wird es im Kopf laut.“ Alma schaut auf ihre Füße. Die baumeln. „Ich warte, bis wir losgehen“, sagt sie. „Und alles in mir will schon rennen.“ Bärchen lächelt ein kleines Lächeln. „Gedanken sind schneller als Beine“, sagt er. „Das ist manchmal anstrengend.“ Alma seufzt. „Meine Gedanken rennen“, sagt sie. „Und die Zeit bleibt stehen.“ „Zeit kann das“, sagt Bärchen. „Sie fühlt sich manchmal langsam an, auch wenn sie weitergeht.“ Alma schaut zur Tür. „Ich mag Warten nicht.“ „Das musst Du auch nicht“, sagt Bärchen. „Aber ich muss.“ „Ja“, sagt Bärchen. „Und das ist der schwere Teil.“

Sie sitzen eine Weile. Die Jacke bleibt an der Garderobe. Die Schuhe auch. Dann sagt Alma leise: „Ist Warten irgendwann vorbei?“ Bärchen nickt. „Immer“, sagt er. „Man merkt es nur oft erst danach.“ Ein Geräusch im Flur. Schritte. Alma richtet sich auf. „Jetzt?“ Bärchen lächelt. „Jetzt.“ Alma springt auf. Bärchen folgt. Die Treppe ist wieder leer.

Warum darf man laut sein, aber nicht verletzend?

Alma steht im Zimmer. Die Stimme ist groß. Sehr groß. „ICH HABE DAS NICHT GEMEINT!“, ruft sie. Die Worte fliegen. Schnell. Hart.

Bärchen sitzt auf dem Bett. Er hält sich die Ohren nicht zu. Er bleibt. Alma atmet schwer. „Bärchen“, sagt sie, „ich war laut.“ Bärchen nickt. „Sehr.“ Alma schaut auf den Boden. „Darf ich laut sein?“ Bärchen denkt kurz nach. „Ja“, sagt er. „Manchmal müssen Worte raus.“ Alma hebt den Kopf. „Aber eben war es nicht gut.“ „Nein“, sagt Bärchen ruhig. „Denn laut sein ist etwas anderes als weh tun.“ Alma runzelt die Stirn. „Wo ist der Unterschied?“ Bärchen tippt sich an die Brust. „Laut sein kommt von hier“, sagt er. „Verletzen geht hier rein.“ Er zeigt auf sein Herz. Alma schaut auf ihren Mund. „Meine Stimme wollte raus.“ „Ja“, sagt Bärchen. „Aber sie hat die falschen Worte genommen.“ Alma seufzt. „Ich wollte nur, dass man mich hört.“ Bärchen rückt näher. „Das ist ein guter Grund“, sagt er. „Nur die Worte müssen auch gut sein.“

Alma denkt nach. Dann sagt sie leiser: „Ich bin wütend.“ Bärchen lächelt. „Jetzt höre ich Dich.“ Alma atmet aus. Die Stimme wird klein. „Dann bin ich jetzt leise“, sagt sie. „Nur ein bisschen“, sagt Bärchen. „Du darfst noch da sein.“